Hochverarbeitete Lebensmittel: Wie riskant sind sie wirklich?
Von Adrian Zucker, ZE3 CrossFit Backnang
Wer viel hochverarbeitetes Essen isst, hat laut einer neuen Meta-Analyse ein höheres Risiko für mehrere chronische Krankheiten und einen früheren Tod. Ausgewertet wurden 51 Langzeitstudien mit fast 9 Millionen Erwachsenen. Es handelt sich um Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien mit niedriger bis moderater Beweislage, nicht um einen Beweis für Ursache und Wirkung.
Was wurde untersucht?
Ein internationales Forschungsteam um Xiao Liu hat 2026 in der Fachzeitschrift Family Medicine and Community Health eine Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse veröffentlicht. Die Forscher durchsuchten die Datenbanken PubMed, Embase und die Cochrane Library bis April 2026. Am Ende flossen 51 prospektive Kohortenstudien mit insgesamt 8.819.894 Erwachsenen ein.
Prospektiv heißt: Die Teilnehmenden wurden zuerst zu ihrer Ernährung befragt und dann über Jahre beobachtet. Die Nachbeobachtung reichte von 2 bis 32 Jahren. Das Durchschnittsalter in den Studien lag zwischen 23,9 und 77 Jahren. 16 Studien stammten aus Amerika, 25 aus Europa, acht aus Asien und zwei aus Ozeanien.
Hochverarbeitete Lebensmittel wurden nach der NOVA-Klassifikation definiert. Das sind verzehrfertige oder nur aufzuwärmende Produkte, die stark industriell verarbeitet sind und oft mehrere Zusatzstoffe enthalten, zum Beispiel Süßigkeiten und verpackte Snacks. Die Autoren beschreiben sie als meist energiedicht, reich an Zucker und Salz und arm an Ballaststoffen, Protein, Vitaminen und Mineralstoffen. Erfasst wurde der Verzehr über Ernährungsfragebögen, 24-Stunden-Protokolle oder Ernährungsanamnesen.
Die Ergebnisse im Detail
Verglichen wurden jeweils die Menschen mit dem höchsten Verzehr mit denen mit dem niedrigsten Verzehr. Die Autoren berichten folgende Zusammenhänge:
| Erkrankung | Höheres Risiko bei hohem Verzehr | Anzahl Kohorten |
|---|---|---|
| Herz-Kreislauf-Ereignisse | +24 % | 12 |
| Metabolisches Syndrom und Diabetes | +24 % | 8 |
| Übergewicht und Adipositas | +23 % | 4 |
| Verdauungserkrankungen | +31 % | 6 |
| Depression und Angst | +27 % | 4 |
| Krebs | +12 % | 11 |
| Sterblichkeit insgesamt | +18 % | 9 |
Ein Ergebnis fällt aus der Reihe: Für Bluthochdruck war der Vergleich zwischen höchstem und niedrigstem Verzehr nicht statistisch signifikant. Bei den Verdauungserkrankungen zeigte sich für Morbus Crohn ein signifikanter Zusammenhang, für Colitis ulcerosa nicht.
Was bedeutet „pro 100 Gramm mehr“?
Die Forscher haben zusätzlich berechnet, wie sich das Risiko mit jeder zusätzlichen Menge verändert. Laut den Autoren hing jedes zusätzliche 100 Gramm hochverarbeitetes Essen pro Tag zusammen mit:
- 14 % höherem Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse
- 11 % höherem Risiko für Bluthochdruck
- 4 % höherem Krebsrisiko
- 3 % höherer Sterblichkeit insgesamt
- 2 % höherem Risiko für metabolisches Syndrom und Diabetes
Für den Anteil an der Ernährung berichten die Autoren außerdem: Jede Erhöhung um 10 Prozentpunkte am täglichen Gewichts- bzw. Energieanteil hing mit einem 16 % höheren Risiko für metabolisches Syndrom und Diabetes zusammen. Das Muster ist also: mehr hochverarbeitetes Essen, höheres Risiko. Eine sichere Grenze konnten die Forscher nicht festlegen.
Wie belastbar sind diese Zahlen?
Die Studie ist groß, aber sie hat klare Grenzen. Die Autoren benennen sie selbst.
- Beobachtung, kein Experiment. Alle Daten stammen aus Beobachtungsstudien. Wer viel Fertigessen isst, unterscheidet sich oft auch in anderen Gewohnheiten. Diese Störfaktoren lassen sich nie ganz herausrechnen.
- Beweislage. Nach dem GRADE-System war die Sicherheit der Evidenz moderat für Übergewicht, niedrig für Herz-Kreislauf, Krebs, Diabetes, Depression, Verdauung und Sterblichkeit und sehr niedrig für Bluthochdruck.
- Selbstauskunft. Alle Studien beruhten auf Fragebögen und Protokollen. Menschen geben gesunde Lebensmittel eher zu häufig und Süßes oder Frittiertes eher zu selten an. Die Autoren vermuten, dass solche Messfehler die Zusammenhänge eher abschwächen als übertreiben.
- Sehr unterschiedliche Produkte. Unter NOVA landen Vollkornbrot, ungesüßter Joghurt, Nussprodukte und Schokolade in derselben Kategorie wie gesüßte Getränke, Süßwaren und verarbeitetes Fleisch. Diese Lebensmittel haben vermutlich nicht dieselbe Wirkung.
- Wenig Daten für manche Ergebnisse. Für Depression, Übergewicht und einige weitere Bereiche lagen nur vier bis sechs Kohorten vor.
Trotzdem zeigen fast alle Ergebnisse in dieselbe Richtung. Die Autoren schließen daraus, dass weniger hochverarbeitetes Essen für die Vorbeugung chronischer Krankheiten relevant sein könnte.
Warum könnte das so sein?
Die Autoren diskutieren mehrere mögliche Erklärungen. Sie sind als Hypothesen formuliert, nicht als bewiesene Mechanismen. Hochverarbeitete Produkte haben wenig Nährstoffe und viel Energie. Das kann laut den Autoren dazu führen, dass man schneller isst, später satt wird und insgesamt mehr isst. Dazu kommen mögliche Effekte von Zusatzstoffkombinationen, Veränderungen der Darmflora, Entzündungsprozesse und Stoffe, die beim Erhitzen oder aus Verpackungen entstehen können.
Was heißt das für deinen Alltag?
Die Autoren geben selbst eine Richtung vor. Für die hausärztliche Beratung schlagen sie vor, den Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel schrittweise zu senken, in Richtung etwa 10 bis 20 Prozent der täglichen Energiezufuhr. Wichtig ist ihnen dabei: nicht nur verbieten, sondern ersetzen. Hochverarbeitete Produkte sollen durch wenig verarbeitete Alternativen ausgetauscht werden. Das sei nachhaltiger und besser auf den Menschen zugeschnitten.
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Wichtig: Hast du Vorerkrankungen wie Diabetes, eine Darmerkrankung oder Herzprobleme, nimmst du Medikamente oder bist du schwanger, dann besprich größere Ernährungsumstellungen vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Ernährung und Training gehören zusammen
Die Studie hat Ernährung untersucht, nicht Training. Trotzdem landen die Erkrankungen aus der Liste oft gemeinsam bei denselben Menschen. Die Autoren sprechen von Multimorbidität, also mehreren chronischen Krankheiten gleichzeitig. Gesundheit entsteht nicht durch eine einzelne Stellschraube. Warum wir bei ZE3 deshalb Training, Ernährung und Erholung zusammen denken, erklären wir in unserem Artikel über ganzheitliches Training.
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Häufige Fragen
Was genau sind hochverarbeitete Lebensmittel?
Gemeint sind Produkte nach der NOVA-Klassifikation: verzehrfertige oder nur aufzuwärmende Lebensmittel, die stark industriell verarbeitet sind und oft mehrere Zusatzstoffe enthalten, etwa Süßigkeiten und verpackte Snacks. Laut Liu et al. sind sie meist energiedicht, reich an Zucker und Salz und arm an Ballaststoffen, Protein, Vitaminen und Mineralstoffen.
Beweist die Studie, dass Fertigessen krank macht?
Nein. Die Meta-Analyse fasst Beobachtungsstudien zusammen. Sie zeigt Zusammenhänge, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Die Autoren bewerten die Beweislage als niedrig bis moderat und weisen auf mögliche Störfaktoren hin, etwa weitere Lebensstilgewohnheiten.
Wie viel hochverarbeitetes Essen ist unbedenklich?
Eine sichere Menge ist laut den Autoren nicht definiert. Für die hausärztliche Praxis nennen sie als möglichen Ansatz, den Anteil schrittweise in Richtung etwa 10 bis 20 Prozent der täglichen Energiezufuhr zu senken und hochverarbeitete Produkte durch wenig verarbeitete Alternativen zu ersetzen.
Sind alle hochverarbeiteten Produkte gleich schlecht?
Wahrscheinlich nicht. Die Autoren betonen, dass unter NOVA sehr unterschiedliche Produkte zusammengefasst werden, von Vollkornbrot und Joghurt bis zu gesüßten Getränken und verarbeitetem Fleisch. Diese Produkte haben vermutlich nicht die gleichen Effekte.
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Quellen
- Liu X, Luo S, Zeng Y, et al. Ultra-processed food consumption and risk of multiple chronic diseases among 8,819,894 adults from 51 prospective cohorts: a dose-response meta-analysis. Family Medicine and Community Health. 2026;14(Suppl 5). doi.org/10.1136/fmch-2026-003925 · PubMed 42773062



